Arbeitbedingte Mobilität im Zug

 

Angela Poppitz, TU Chemnitz
angela (at) phil.tu-chemnitz.de


Finanzierung und Laufzeit

Promotionsstipendium der Hans-Böckler-Stiftung, TU Chemnitz
2003 - 2008

Zielsetzung

Das Forschungsprojekt mit dem Titel „arbeitsbedingte Mobilität im Zug“ ist eine explorativ angelegte qualitative Untersuchung des Bahnfahralltags von Pendler und Geschäftsreisenden, die als arbeitsbedingt Bahnreisende zusammen betrachtet werden. Hierbei wird der Blick vor allem auf das individuelle Be­wäl­tigen des Bahnalltags bei Bahnreisenden gerichtet, deren Arbeits­all­tag in Verbindung zu ihren Zugreisen steht. Bahnalltag meint hier neben der Reise im Zug auch die Koordination mit angrenzenden Alltagswelten wie der Erwerbsarbeit und dem Privatleben. Darüber hinaus liegt der Fokus in der Betrachtung der Aneignung des Bahnfahrens vor dem Hintergrund räum­licher, zeitlicher, technischer und so­zia­ler Rahmenbedingungen im Zug.

Die Fragestellung der Dissertation lautet: Wie funktioniert aus der Perspektive von Pendlern und Geschäftsreisenden arbeitsbedingtes Bahnfahren? Die Frage tangiert zwei wesentliche Themenfelder: Wie wird erstens Bahnfahren in den individuellen Alltag der mobilen Menschen integriert, also welche Arrangements bestehen zwischen Arbeitsalltag und Bahnfahren? Und wie gehen Reisende zweitens mit den Rahmenbedingungen des Bahnfahrens um? Wie wird die Situation des Bahnalltags arrangiert? Daraus sollen Schlussfolgerungen ableiten, welche Folgen diese einzelnen Arrangements für die Erwerbsarbeit, das private Leben der Menschen und auch für die Entwicklung der Bahn haben?

Empirisches Vorgehen / Methode

Methodisch folgte die Erhebung des Materials entlang einer Triangulation, indem ethnographisch orientierte Beobachtungen durchgeführt, Dokumente rund um das Unternehmen Bahn sowie narrationsgeleitete Interviews durchgeführt wurden. Das Sample besteht aus 34 Interviewpartnern. Sie wurden aufgrund ihres Arbeits- bzw. Berufsbezuges, ihrer regelmäßigen Reisetätigkeit sowie damit verbunden gefestigten Bahnerfahrungen ausgewählt. Die Auswertung erfolgte in Anlehnung an die Dokumentarische Methode von Bohnsack nach rekonstruktiv-interpretativen Gesichtspunkten im hermeneutischen Vorgehen. 

Ergebnisse

Die Ergebnisse der Forschungsarbeit lassen sich ebenso in zwei Bereiche unterteilen. Das erste Ergebnis behandelt die Aneignung des von Mobilität geprägten Alltags und wird in Form von so genannte Reise-Tätigkeiten dargestellt. Um die Bedeutung des Bahnfahrens für die arbeitsbedingt Reisenden herausstellen zu können, ist es notwendig zu wissen, welchen Tätigkeiten die Akteure während der Bahnfahrt nachgehen. Als Ergebnis lässt sich Folgendes herausstellen:

  • Es gibt ein breites Spektrum an typischen Reisetätigkeit, die häufig sowohl bei Pendlern als auch
    Geschäftsreisenden vorkommen

  • Der Zug ist für beide Gruppen ein Multifunktionsraum. Die Gestaltung des Bahnalltags besteht grundsätzlich immer aus regenerativen und/oder Freizeittätigkeiten. Der Anteil der Erwerbsarbeit im Zug ist unterschiedlich hoch.

  • Gleichzeitig decken sich nicht immer Anspruch an den Bahnalltag und die Realisierung dessen: es wird häufig geplant, im Zug zu arbeiten, getan wird teilweise etwas anderes.

  • Der Zug ist entsprechend nicht immer der optimale Ort gerade für Erwerbsarbeit. Vielmehr besteht der Charme des Bahnreisens in der Verquickung von Arbeit und Freizeit und nicht in ausnahmsloser Arbeit.

Die Erfüllung dieser Erwartungshaltung an den Bahnalltag ist aber oftmals nicht ohne weiteres möglich. Bahnfahren bedeutet auch, mit den Regeln des Bahnfahrens so umgehen zu können, dass die Reise erfolgreich absolviert wird. Bahnfahren muss sich angeeignet werden. Empirisch wurde ein Tableau unterschiedlicher Aneignungsmechanismen anhand technischer, zeitlicher, sozialer und räumlicher Rahmenbedingungen erstellt.

Dieses zeigt auf, dass Bahnfahren sehr vielfältige Facetten hat, die von den Reisenden beachtet, ausgehalten, gestaltet werden müssen. Damit erscheint auch die Anforderung an das arbeitsbedingte Bahnfahren unter verändertem Licht. Die Reisenden sind nicht nur damit beschäftigt, sich in den Zug zu setzen und ihre Arbeitsunterlagen herauszuholen, um beispielsweise mobil zu arbeiten. Die eigentliche Arbeit besteht darin, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, um problemlos Erwerbsarbeit nachgehen zu können. 

Veröffentlichungen