Fiktive Lebensführung
 

Margit Weihrich
margit.weihrich (at) t-online.de

G. Günter Voß
g.g.voss (at) inag-online.de
       

Finanzierung:

Selbstfinanziert – ein Produkt des Lesens von Kriminalromanen mit der Brille der „Alltäglichen Lebensführung“, was Spaß gemacht hat

Laufzeit:

abgeschlossen – Fortsetzung denkbar

Zielsetzung und Ergebnis:

Die Organisation des Alltags ‚auf die Reihe zu kriegen’, ist keine Selbstverständlichkeit. Auch fiktive Personen haben damit ihre Schwierigkeiten. Margit Weihrich und G. Günter Voß haben die „detektivische Lebensführung“ von Ermittlern und Ermittlerinnen in Kriminalromanen untersucht: von Guido Brunetti, dem Commissario aus den Romanen von Donna Leon, Kurt Wallander, dem Kommissar aus den Romanen von Henning Mankell, V.I. Warshawski, die als private eye in den Romanen von Sara Paretsky aktiv ist und – für die erste Veröffentlichung in diesem Kontext –  die Lebensführung von Kay Scarpetta, medical examinator in den Romanen von Patricia Cornwell. Diese fiktiven Figuren werden betrachtet, als wären sie reale Personen – Ausgangspunkt ist die These, dass in fiktiven Settings dieselben Abstimmungsprobleme auftauchen und nach Lösungen verlangen wie im richtigen Leben.

Umberto Eco erklärt in seiner „Nachschrift zum ‚Namen der Rose’“ (1986, München: dtv), in welchem Sinne er einen historischen Roman schreiben wollte: „... historisch nicht, weil Ubertin von Casale und Michael von Cesena wirklich existiert haben und mehr oder weniger das sagen sollten, was sie wirklich gesagt haben, sondern weil alles, was fiktive Personen wie William sagen, in jener Epoche sagbar sein sollte“ (Eco 1986: 88). Für die zeitgenössischen Krimihelden wird das gleiche gelten. Man sollte annehmen können, dass für die Leserinnen und Leser nachvollziehbar sein muss, warum fiktive Personen auf eine bestimmte Weise handeln. Was fiktive Akteure sagen und tun, sollte verstehbar sein.

Das zentrale Problem der Krimihelden scheint ihre alltägliche Lebensführung zu sein. Wer heutzutage Kriminalromane liest, erfährt über den privaten Alltag der detectives mindestens ebenso viel wie über de­ren Ermittlungen. Offensichtlich ist nicht nur die Aufklärung des Kriminalfalles, sondern auch die „Arbeit des Alltags“ (Jurczyk/ Rerrich 1993) zur Herausforderung geworden.

Die fiktive alltägliche Lebensführung von Brunetti, Wallander und Warshawski wird in ihrer Form und Logik rekonstruiert – ebenso wie die Voraussetzungen, die sie für ihr Funktionieren braucht. Da es sich jeweils um Serienkrimis handelt, gibt es reichlich Material, aus dem sich herausarbeiten lässt, auf welche Art und Weise sich die Protagonisten über einen langen Zeitraum hinweg mit unterschiedlichen Zumutungen und Chancen auseinandersetzen.

Das Sample gibt zudem Gelegenheit für einen kleinen internationalen Vergleich: Brunettis Questura befindet sich in Venedig, Wallander ermittelt im schwedischen Süden und Vic Warshawski arbeitet in Chicago. Personen reagieren in ihrer alltäglichen Lebensführung auch darauf, wie die Gesellschaft organisiert ist, in der sie leben und arbeiten – dies gilt für die reale wie für die fiktive Welt.

Veröffentlichungen: