Jenseits männlicher Normalbiographie
Die Vereinbarkeitsfrage als Männerfrage

 

Dipl.-Soz. Karsten Kassner
karsten.kassner (at) gmx.de
 
 

Finanzierung und Laufzeit

Promotion an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fachbereich Gesellschaftswissenschaften
Beginn: Herbst 1999; seit Dezember 2000 finanziert über ein Promotionsstipendium der Hans-Böckler- Stiftung

Zielsetzung

Mit dem Wandel der Geschlechterverhältnisse und den rationalisierungsbedingten Verwerfungen im (männlichen) Normalarbeitsverhältnis sind zentrale Aspekte derzeitiger gesellschaftlicher Veränderungsprozesse benannt. Diese führen zwar nicht zu einer „Krise des Mannes“, wohl aber zu Krisentendenzen der Geschlechterordnung. Trotz weitgehend ungebrochener Muster geschlechtlicher Arbeitsteilung zeigen sich solche Tendenzen nicht zuletzt darin, daß auf der Ebene gesellschaftlicher Normierungsprozesse eine Situation entsteht, in der letztlich auch Männlichkeit zum Gegenstand kultureller Aushandlungsprozesse wird. Derartige Umbruchsituationen, in denen eigentlich verdeckte, routinisiert in das Alltagshandeln eingelassene Normalitätsvorstellungen aufzubrechen beginnen, bieten der empirischen Sozialforschung die Möglichkeit, das vermeintlich Selbstverständliche sichtbar zu machen. Hinsichtlich der Frage nach dem Zusammenhang von Erwerbs- und Reproduktionssphäre werden somit die Lebenszusammenhänge gerade solcher Männer interessant, die ein Leben gegen herrschende Vorstellungen von Normalität führen und beide Bereiche miteinander zu verbinden suchen.

In meinem Promotionsvorhaben sollen jene Männer zum Gegenstand gemacht werden, die sich auf (betriebliche) Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf einlassen, also Erziehungsurlaub nehmen/genommen haben und/oder aus familiären Gründen auf Teilzeitbasis arbeiten. Gefragt wird nach a) den inner- und außerbetrieblichen sowie lebensgeschichtlichen Hintergründen einer solchen Entscheidung, b) den inner- und außerbetrieblichen Reaktionen darauf, c) der Art und Weise, in welcher betreffende Männer ihren Alltag gegen vorherrschende Normalitäten gestalten sowie nach d) damit verbundenen Lebensentwürfen und Vorstellungen. Inwieweit sich in den Biographien und Orientierungsmustern dieser Männer tatsächlich die Brüche tradierter Männlichkeitsvorstellungen widerspiegeln, ist dabei zunächst eine empirisch offene Frage.
Anliegen der Untersuchung ist es zum einen, die spezifische Situation und alltägliche Praxis solcher Männer in ihrer konfliktträchtigen Vielgestaltigkeit nachzuzeichnen. Zum anderen sollen damiteinhergehende Deutungsmuster und Normalitätsvorstellungen von Geschlecht, geschlechtlicher Arbeitsteilung, Berufsleben, Partnerschaft, Elternschaft und damit letztlich Konzeptionen des Verhältnisses von Erwerbs- und Privatleben rekonstruiert werden. Die darin implizierten potentiellen Gegenentwürfe zu hegemonialen Vorstellungsweisen und Praxisformen sind als Ausdruck aktueller kultureller Aushandlungsprozesse um Geschlechterbilder zu begreifen.
Theoretischer Hintergrund meiner Arbeit ist die Forschungsperspektive einer subjektorientierten Soziologie, welche eine Akteursperspektive mit der Frage nach dem Zusammenhang von Handlung und Struktur verbindet. Im Verlauf des Forschungsprozesses wird ein solcher Blickwinkel insbesondere vermittels des Konzepts alltäglicher Lebensführung in Verbindung mit dem auf die Kategorien Geschlecht und Männlichkeit ausgedehnten Bourdieuschen Habitusbegriff zum Tragen kommen.

Empirisches Vorgehen / Methode

Mein Forschungsinteresse zielt weniger auf das Testen von Theorien oder Hypothesen als auf eine Rekonstruktion der Alltagspraxis und der handlungsleitenden Orientierungsmuster einer bestimmten Gruppe von Männern. Insofern ist mein Verständnis des Forschungsprozesses das einer relativ offenen, qualitativ ausgerichteten Sozialforschung. Verbunden ist dies mit dem Ziel, neue Wissensbestände über das untersuchte Feld zu generieren, aus denen sowohl Impulse für veränderte theoretische Einsichten als auch Ansatzpunkte für eine innovative geschlechterpolitische Praxis gewonnen werden können. Grundlage der Untersuchung sind ausführliche qualitative Interviews. Betreffende Männer sollen vor allem über die Ansprache solcher Unternehmen gewonnen werden, die nach außen sichtbar gleichstellungspolitische Zielsetzungen vertreten. Dabei wird auf die Möglichkeit geachtet, auch Interviews mit verschiedenen betrieblichen Akteuren (z.B. mit direkten Vorgesetzten oder KollegInnen) sowie mit den Partnerinnen der Männer führen zu können.

Stand der Arbeiten (März 2001)

Eine Literaturrecherche ist abgeschlossen. Der Zugang zum Feld ist hergestellt und erste Probeinterviews sind geführt worden. Hinsichtlich meiner Fragestellung müssen ähnlich gelagerte empirische Studien weiter ausgewertet werden. Theoretische Bezüge und Fragen der  methodischen Umsetzung sind im Zuge anstehender Interviews schrittweise enger zu koppeln.