Auswirkungen der 28,8-Stunden-Woche bei der VW AG
auf die familiale Lebensführung von Industriearbeitern

 

        PD Dr. Kerstin Jürgens / Dr. Karsten Reinecke
        Institut für Soziologie - Universität Hannover
        k.juergens (at) ish.uni-hannover.de
 

Laufzeit und Finanzierung

Mai 1996 - November 1997, Hans-Böckler-Stiftung

Zielsetzung und Vorgehen

Im Mittelpunkt des Projekts stand der Tarifvertrag zur 28,8-Stunden-Woche, der zum 1.1.1994 für die sechs westdeutschen VW-Werke wirksam wurde. Dieser Tarifvertrag wurde in unterschiedliche Betriebsvereinbarungen umgesetzt und brachte für Teile der Belegschaften eine signifikante Verkürzung der Arbeitszeit (Vier-Tage-Woche) mit sich, für andere Beschäftigte dagegen eine drastische Flexibilisierung ihrer Arbeitszeit. Vor diesem Hintergrund untersuchten wir die Muster alltäglicher Lebensführung von Schichtarbeitern und führten qualitative Interviews mit 36 VW-Arbeitern und deren Partnerinnen an den Standorten Emden, Salzgitter und Hannover durch. Darüber hinaus wurden rund 250 Vertrauensleute in Gruppendiskussionen befragt.

Durch die Fokussierung der Auswirkungen einer Arbeitszeitveränderung auf das Familienleben konzentrierten wir uns dabei auf die Analyse der Paarbeziehung von Eltern, die mit jüngeren Kindern in einem gemeinsamen Haushalt zusammenleben. Im Unterschied zum Konzept "alltägliche Lebensführung" stand also nicht das Subjekt und seine Lebensführung im Mittelpunkt, sondern die Vermittlung dieser Lebensführung im primären sozialen Kontext, in der Familie. Diese alltägliche Leistung der Verschränkung zweier Lebensführungen erfaßten wir mit der Perspektive auf die familiale Lebensführung.

Wichtige Ergebnisse

Wichtigstes Ergebnis der Studie ist die Heterogenität der Modelle der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsleben, die sich selbst innerhalb einer nach sozialstatistischen Merkmalen vergleichsweise homogenen Untersuchungsgruppe herauskristallisierte: Es stellte sich heraus, daß innerhalb der VW-Arbeiterschaft traditionell-geschlechtshierachische Arbeitsteilungsmuster nach wie vor dominieren, jedoch partnerschaftlichere Einstellungen und auch Verhaltensmuster an Bedeutung gewinnen. Wir konnten vier verschiedene Typen familialer Lebensführung identifizieren, die vor allem hinsichtlich der Hierarchie im binnenfamilialen Geschlechterverhältnis variieren.

Zwei traditionelle Arrangements verweisen auf ein hartnäckiges Fortbestehen hierarchischer Arbeitsteilungsmuster in Familien: Die Rollen zwischen den Eheleuten sind entsprechend der Trennung von Familien- und Erwerbsleben klar verteilt und werden nach dem ‘Familienernährer-Hausfrauen’-Modell im Alltag organisiert. Während dies beim ersten Typus mit einer großen Unzufriedenheit einhergeht, einigen sich die anderen Paare hingegen ganz bewußt auf dieses Modell; es ist die subjektiv optimale Umsetzung der gemeinsamen Lebensvorstellungen.

Die zwei modernisierten Arrangements verweisen auf eine Auflösung vorgegebener Rollenleitbilder. Eine eigenständige Erwerbstätigkeit nimmt für die Frauen einen zentralen Stellenwert ein und wird trotz erheblicher Synchronisationsprobleme auch realisiert. Beide Geschlechter versuchen, mithilfe von Diskussion und Aushandlung ihre Vorstellungen und Ansprüche zu reflektieren und ihr Familienleben zu handhaben. Lediglich beim ‘modernsten’ Typus ist jedoch auch den Männern eine Beteiligung nicht nur an der Kinderversorgung, sondern auch an sämtlichen Familienarbeiten selbstverständlich.

Auch innerhalb der Arbeiterschaft haben sich also die Verhaltensmuster ausdifferenziert: Traditionelle und modernisierte Formen von Lebensführung existieren nebeneinander, so daß auch die betrieblichen und politischen Akteure nicht mehr von einem einheitlichen Familienmodell und entsprechenden Arbeitszeit- und Einkommenspräferenzen ausgehen können. Erst vor diesem Hintergrund ließen sich die Auswirkungen und der Umgang mit der 28,8-Stunden-Woche nachvollziehen.

Die Arbeitszeitveränderungen bei VW haben für die familiale Lebensführung unterschiedliche Effekte:

Eine verläßliche Arbeitszeitverkürzung bestärkt gleichberechtigtere Modelle der Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsleben und führt bei Männern mit entsprechender Grundhaltung zu partnerschaftlicherem Verhalten. Die verläßliche und kontinuierliche Vier-Tage-Woche hat in den Familien zu einer Entspannung des Familienklimas geführt. Unabhängig von möglichen Nachteilen bewerten alle Männer die verkürzte Arbeitszeit als spürbare Entlastung von den Anstrengungen der Schichtarbeit und beschreiben sich als ausgeglichener und offener gegenüber ihrer Familie. Dies sehen auch die Frauen als positiven Effekt der Arbeitszeitverkürzung, und sie empfinden das gemeinsame Familienleben im Vergleich zur Fünf-Tage-Woche als wesentlich streßfreier. Die Koordination von Familienleben und Schichtarbeit fällt allen Paaren deutlich leichter.

Unterschiedlich sind dagegen die Auswirkungen auf die Alltagsarrangements: Bei den zwei traditionelleren Typen finden kaum Veränderungen in der familialen Arbeitsteilung statt. Die Hausarbeit wird weiterhin maßgeblich von den Frauen erledigt, und eine mögliche Umverteilung der Aufgaben wird weder von den Männern noch von den Frauen in Erwägung gezogen. Veränderungen zeigen sich jedoch in den Vater-Kind-Beziehungen. Die Männer sind dem Nachwuchs gegenüber wesentlich aufgeschlossener. Dagegen investieren die Männer der "moderneren" Arrangements ihren Zeitgewinn selbstverständlich in das Familienleben: Sie beteiligen sich verstärkt an allen anfallenden Arbeiten und bewerten den Zuwachs an erwerbsfreier Zeit sowie ihre aktivere Vaterrolle als Gewinn an Lebensqualität. Die Frauen werden dadurch deutlich entlastet und sprechen sich für eine Beibehaltung dieses Modells aus.

Die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitszeit mit Einbeziehung des Wochenendes konterkariert dagegen diese Effekte und bewirkt eine deutliche Traditionalisierung der Geschlechtsrollen. Häufige Wochenendarbeit wird sowohl von den bei VW beschäftigten Männern als auch von ihren Partnerinnen abgelehnt und als Verlust an Lebensqualität bewertet. Bei allen Paaren belastet die Mehrarbeit das Familienklima, und selbst diejenigen Männer, die sich ehemals intensiv an der Familienarbeit beteiligten, können dieses Engagement bei einer Sechs-Tage-Woche nicht mehr aufrechterhalten.

Für die gesamte Untersuchungsgruppe ist eine hohe Unzufriedenheit mit häufig wechselnden und unverläßlichen Arbeitszeiten erkennbar. Kurzfristige Ankündigungen von Mehrarbeit machen jegliche Planungen im Privaten oftmals zunichte und schmälern die Akzeptanz der 28,8-Stunden-Woche. Die Paare plädieren daher für eine stärkere Beteiligung an der Arbeitszeitorganisation und fordern ein höheres Maß an Verläßlichkeit.

Im Rahmen einer Publikation wird demnächst das Konzept der familialen Lebensführung nochmals konzeptionell erläutert werden. In Anlehnung an die Arbeiten der Münchener Projektgruppe möchte ich dabei aufzeigen, wie "alltägliche Lebensführung" sozial kompatibel wird, d.h. mit der Lebensführung anderer Menschen im primären sozialen Kontext, in diesem Fall: der Paarbeziehung, in Einklang gebracht wird. Zwar ist die Arbeitsteilung in Familien noch immer überwiegend geschlechtshierarchisch organisiert, doch stehen in einer Beziehung - vor allem wenn diese durch Kinder ergänzt wird - beide Geschlechter gleichermaßen vor der Aufgabe, ihr Leben auf das des Partners / der Partnerin auszurichten: In der Paarbeziehung werden zwei Formen individueller alltäglicher Lebensführung zu etwas Gemeinsamem, etwas Drittem verschränkt. Lebensführung wird in eine soziale "Paßform" gebracht. Das Individuum gibt sich dabei keineswegs auf, doch ist seine Lebensführung nicht mehr die, die sie bislang war; sie orientiert sich an der Beziehung. Im Mittelpunkt steht also die Analyse der Paarbeziehung von Eltern als soziales Subsystem mit spezifischen Dynamiken, doch dürfen dabei die Anforderungsstrukturen, mit denen die Individuen in den unterschiedlichen Lebensbereichen tagtäglich konfrontiert sind, keinesfalls vernachlässigt werden.

Veröffentlichungen (Auswahl)