Vergesellschaftung im Alltag
Der Zusammenhang zwischen Vergesellschaftung und alltägliche Lebensführung

 

Alma von der Hagen-Demszky
vdhagen (at) aol.com

 

Finanzierung und Laufzeit
 
2001 - 2005, TU Chmenitz
Promotionsstipendium des Cusanuswerks

Fragestellung

Wie geschieht Vergesellschaftung im Alltag? Wie bauen Menschen ihre sozialen Netzwerke auf? Welche tagtäglichen Leistungen erfordert die Aufrechterhaltung der Netzwerke? Wie hängt dies mit der Lebensführung zusammen? Welches sind die Anknüpfungspunkte einer individuellen Lebensführung, an die sich eine weitere Person mit ihrer eigenen Lebensführung anbinden kann?

Die konkrete Forschungsfrage lautet: Wie geschieht Vergemeinschaftung im Alltag eines Stadteils? Was hat Vergesellschaftung dort mit Lebensführung zu tun? Wie beeinflussen sich gegenseitig die Art und Weise, ein Leben zu führen und die Art, zu anderen Menschen Kontakte aufzubauen?

Vorgehensweise

Empirische Basis der Arbeit ist qualitative Untersuchung in einer Plattenbausiedlung in Budapest mit Intensivinterviews, Beobachtungen und Expertengesprächen. In der Siedlung wohnen etwa 15 000 Personen auf engstem Raum – von Industriearbeitern bis zu Universitätsprofessoren sind (fast) alle Schichten und Milieus in ihr vertreten. Die Siedlung ist der konkrete Lebens- und Vergesellschaftungsraum für ihre Bewohner, den sie tagtäglich erleben und mit dem sie sich auseinandersetzen müssen. Wie sie dies tun, wird untersucht.

Kern der sind 25 erzählungsgenerierende Leitfadeninterviews mit Bewohnern der Siedlung durchgeführt. Die Fragen umfassen die Alltagsorganisation der Person sowie ihre dauerhaften oder flüchtigen Kontakte zu anderen Menschen (Familie, Freunde, Nachbarn). Die Erhebung fand 2002 - 2003  statt.

Durch den Schauplatz konnten einige Besonderheiten eines postsozialistisches Landes in die Beschreibung einer Lebenswelt mit hineinfließen. Gleichwohl sollte der konkrete Ort (die Siedlung) und die konkrete geschichtliche Zeit (gut zwölf Jahre nach der Wende) nur beispielhaft ein allgemeines, orts- und zeitunabhängiges Problem – Vergesellschaftung – veranschaulichen.


Ergebnisse

Die entstandene Studie kann nachzeichnen, wie Gesellschaft über viele Einzelakte der handelnden Menschen ‚bottom-up‘ entsteht. Im Mittelpunkt stehen die Individuen und ‚ihre‘ jeweilgen Gesellschaften von Familie, Freunden und Verwandten, von Beziehungen am Arbeitsplatz und am Wohnort usw. Gezeigt wird, in welchem Verhältnis diese ‚kleinen Gesellschaften’ des Alltages zur Gesellschaft insgesamt stehen und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Es werden dabei u.a. verschiedene Typen der ‚alltäglichen Vergesellschaftung‘ vorgestellt: Individuelle Organisationsformen des Soziallebens und der gesellschaftlichen Anbindung.

Zentrales Ergebnis ist, dass sich in der Siedlung der Modus der alltäglichen Vergesellschaftung in Richtung Eigenverantwortung verschoben hat: Das bisher typische mehr oder weniger passive Vergesellschaftet-Werden wird von einer zunehmenden Notwendigkeit zur aktiven Selbstvergesellschaftung überlagert. Folge ist, dass daraus für viele Betroffene neuartige Konflikte und Risiken entstehen. Neben den bekannten Formen des ‚Kapitals’ im Sinne Bourdieus scheint dabei die jeweilige Persönlichkeit eine entscheidende weitere Ressource für die Bewältigung von Anforderungen zu sein, die insoweit als eine mögliche vierte Form von Kapital gelten kann.


Veröffentlichung