Begriff und Theorie - Alltägliche Lebensführung

 

 

 

 

 

 Zum Begriff "Lebensführung"

Der Begriff der Lebensführung ist nach wie vor in den Sozialwissenschaften nur teilweise etabliert, obwohl er zunehmend Verwendung findet. Er laesst sich genealogisch vor allem auf Max Weber zurückführen, der ihn in seinen religionssoziologischen Arbeiten (teils synonym, teils aber auch mit variierender Bedeutung) parallel zu „Lebensstil“ verwendet hat (Abel / Cockerham 1993). Während sich gerade in den letzten Jahren eine breite life-style-Forschung entwickelt hat, war Lebensführung lange Zeit nahezu kein Thema.

Das Interesse am Thema Lebensführung entstand in den achtziger Jahren in München  aus einem forschungshistorischen Anlass:

Forschungserfahrungen der subjektorientierten Projekte im Sonderforschungsbereich 101 (dem Vorläufer des SFB 333 in München; Bolte 1985) hatten unter anderem gezeigt, dass berufliche Tätigkeiten und Erfahrungen von Personen nicht ausreichend zu verstehen sind, wenn nur Erwerbsarbeit thematisiert wird und andere Lebensbereiche vernachlässigt werden - eine Erkenntnis, die bis dahin lediglich in der Frauenforschung berücksichtigt wurde. Dies führte im SFB 333 zu dem Versuch, den engen Fokus auf die Erwerbssphäre aufzubrechen und systematisch die Struktur aller Alltagstätigkeiten und den Zusammenhang von „Arbeit und Leben“ insgesamt zum Thema zu machen und an ausgewählten Gruppen zu untersuchen.

In grober Anlehnung an Begrifflichkeiten und vor allem auch an die historische Perspektiven von Max Weber wurde daraufhin schrittweise das Konzept der „Alltäglichen Lebensführung“ entwickelt. Nach und nach wurde dabei deutlich, dass man einen Gegenstand von relativ grundlegender soziologischer Bedeutung im Blickfeld hatte, der sich von vergleichbaren damals soziologisch verstärkt beachteten Instanzen (z.B. Lebensstil, Habitus, Biographie) systematisch unterschied, genau genommen soziologisch bis dahin nicht thematisiert wurde und zudem in besonderer Weise zwischen Individuum und Gesellschaft zu vermitteln schien.

Das sich dann in einem interaktiven Prozess zwischen empirischen und theoretischen Arbeiten herausbildende Konzept „Alltägliche Lebensführung“ lässt sich folgendermaßen skizzieren (vgl. ausführlich Voß in Projektgruppe 1995, auch 1991):

Zur Geschichte der Lebensführungsforschung
 
Karl Marx
Georg Simmel
Max Weber

Die Frage nach den Gestaltungschancen und -zwängen des individuellen privaten (und auch des öffentlichen) Lebens von Menschen innerhalb einer bestimmten Gesellschaftsordnung ist ebenso eine Grundfrage der Soziologie wie diejenige nach den kollektiven Folgen dieser Bemühungen.

Für Karl Marx (z.B. 1969, 1971a, 1971b) lag die Form der "Lebensweise“ verbindlich fest: Über die Ausprägungen des persönlichen Lebens bestimmten die materiellen Bedingungen der gesellschaftlichen Produktion, das Ergebnis - die kapitalistische Lebensweise - verlangte nach einer Veränderung der Verhältnisse. Georg Simmel (z.B. 1989) sah das etwas anders: Nach seiner Analyse zieht die Struktur der hoch arbeitsteiligen Moderne die Pluralität und Unbestimmtheit von "Lebensstilen“ nach sich und damit das Massenschicksal der Individualisierung. Nichtsdestotrotz bestimmt auch hier die Gesellschaftsstruktur die "Lebensstile“ - das Ergebnis ist allerdings nicht, wie bei Marx, eine einheitliche Lebensweise, sondern individuelle Stilisierung (vgl. Müller/ Weihrich 1991). Max Weber (z.B. 1972a, 1972b) schließlich untersuchte die Gestaltungsprinzipien der "Lebensführung“: Berühmt geworden ist die Analyse der auf der Berufspflicht gründenden "methodischen“ Lebensführung, die sich als Reaktion auf die Prädestinationslehre entwickelte und über die innerweltliche Askese die Entstehung des Kapitalismus beförderte. Das "eherne Gehäuse“, sein Bild für den Zwang, den die rationale Wirtschaftsordnung auf die Individuen ausübt, bringt in Webers düsterer Vision zwei Typen von Menschen hervor, die mit spezifischen Qualitäten von Lebensführung korrelieren: "Fachmenschen ohne Geist“ und "Genussmenschen ohne Herz“. "Dieses Nichts“, so Weber, "bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben“ (1972b, S. 203f). Doch ganz ohne Hoffnung ist Weber nicht, sieht er doch in der professionellen Berufswelt eine Chance für die Entwicklung einer verantwortungsethisch inspirierten Lebensführung, für die es darauf ankomme, dass "jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens Fäden hält“ (1973, S. 613).

Der Formulierung und dem theoretischen Konzept "Alltägliche Lebensführung“, das im Zentrum dieser Seite des Portals steht, liegt eine Entdeckung zugrunde, die den engen Weberschen Bezug auf die professionelle Berufswelt transzendiert. In den frühen 80er Jahren beschäftigte man sich am damaligen Münchener Sonderforschungsbereich 101 mit den "theoretischen Grundlagen sozialwissenschaftlicher Berufs- und Arbeitskräfteforschung“ und konzipierte als eine wichtige theoretische Grundlage die Forschungsperspektive "Subjektorientierte Soziologie“ (vgl. Voß/ Pongratz 1997). Die Perspektive des Subjekts erweiterte systematisch das Blickfeld über die Berufsarbeit hinaus: So kam auch all den anderen Tätigkeiten Aufmerksamkeit zu, die der Einzelne tagaus tagein verrichtet. Analog zur sozialen Arbeitsteilung nahm man die "Arbeitsteilung der Person“ ins Visier. Das Teilprojekt A1 des 1986 neugegründeten und auf "Entwicklungsperspektiven von Arbeit“ gerichteten SFB 333 (zuerst: Karl Martin Bolte, Wolfgang Dunkel, Karin Jurczyk, Werner Kudera, Elisabeth Redler, G. Günter Voß, Ortrud Zettel) führte diese Perspektive weiter und entdeckte, daß das, was in einzelne Tätigkeiten aufgeteilt werden kann, auch wieder zusammengefügt und neu arrangiert werden muß. Aus der Idee einer "Arbeitsteilung der Person“ entwickelte sich das Konzept der "Alltäglichen Lebensführung der Person“ (u.a. Voß 1991). Der Begriff weist auf die aktive Leistung des Individuums hin, seine Verfahrensweisen mit all den unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Handlungsanforderungen in den verschiedenen Lebensbereichen zu einem Arrangement zu binden, das das Problem lösen soll, "den Alltag auf die Reihe zu kriegen“. Durchaus von Webers modernisierungstheoretischer Verortung der Lebensführung inspiriert, stellte sich das dann durch Luise Behringer, Sylvia Dietmaier-Jebara und Maria S. Rerrich erweiterte Projekt die empirische Frage, welche Ausprägungen von alltäglicher Lebensführung sich heute finden und welcher Dynamik sie unterliegen. Die gesellschaftliche Entwicklung wurde anhand zweier Indikatoren umrissen: diese waren zum einen die Flexibilisierung von Arbeitszeiten und -verhältnissen, zum anderen die Erosion der Geschlechterrollen. Folge dieses konstatierten Modernisierungsprozesses musste es sein, so das Projekt, dass die Anforderungen an die alltägliche Lebensführung zunehmen: Lebensführung, so die These, wird immer mehr zur Arbeit.

Für die empirische Untersuchung dieser These befragte das Projekt mithilfe von erzählungsgenerierenden Leitfadeninterviews etwa 150 Personen in Bayern, die verschiedenen Berufsgruppen angehörten, die als unterschiedlich modern bzw. traditional verstanden wurden: Industriearbeiter auf der traditionalen Seite, Verkäuferinnen, AltenpflegerInnen und industrielle Angestellte im Mittelfeld, JournalistInnen und hochmobile SoftwarespezialistInnen auf dem moderneren Ende des Kontinuums. Die herausgearbeiteten Lebensführungsmuster und deren Interpretation finden sich in den Monographien von Dunkel (1994) und Behringer (1998), in der Abschlusspublikation der "Projektgruppe Alltägliche Lebensführung“ (Projektgruppe 1995), im Sammelband "Die Arbeit des Alltags“ (Jurczyk/ Rerrich 1993) und vielen weiteren Veröffentlichungen (Projekt SFB 333).

"Die Arbeit des Alltags“ enthält bereits erste Ergebnisse eines in mehrerlei Hinsicht interessanten weiteren Forschungsstranges: der Untersuchung alltäglicher Lebensführung in den neuen Bundesländern. Denn mitten in der Projektlaufzeit fiel die Mauer, und das Projekt stürzte sich in den "sozialen Großversuch Vereinigung“. Welche Arrangements würden sich finden, und was passierte mit der alltäglichen Lebensführung, wenn sich alles verändert? Rudi Kieser und Margit Weihrich gingen als KundschafterInnen nach Leipzig, die anderen folgten nach; es entstanden eine Dokumentation der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozess, Untersuchungen der alltäglichen Lebensführung einzelner Berufsgruppen in Ostdeutschland und nicht zuletzt eine spannende Zusammenarbeit mit den Leipziger KollegInnen Ina Dietzsch und Michael Hofmann, die das Leipziger Schwesterprojekt bildeten (Projekt SFB 333). Der ursprünglich geplante Vergleich zwischen Ost und West wurde (noch) nicht unternommen; doch Margit Weihrich suchte mit einer Längsschnittuntersuchung über alltaegliche Lebensfuehrung im ostdeutschen Transformationsprozess das Desiderat einzulösen, die Veränderung von alltäglicher Lebensführung über die Zeit hinweg zu erfassen. Aus ihrem verblüffenden Befund, dass die Logik der alltäglichen Lebensführung inmitten des turbulenten Alltags zur Hoch-Zeit der Wende stabil geblieben ist, entwickelte sie in ihren "Kursbestimmungen“ (Weihrich 1998) eine mikrofundierte Erklärung der sozialen Verortung im neuen Institutionensystem, für die nicht Anpassungs-, sondern Selektionsprozesse die entscheidende Rolle spielen
(
Projekt Weihrich).

Die seit dem durchgeführten Forschungen zum Thema umfassen Arbeiten zu ganz unterschiedlichen Bereichen: Man wendet das Konzept der Alltäglichen Lebensführung an, kritisiert und erweitert es und bereichert die Forschung zur Alltäglichen Lebensführung durch Inputs aus anderen Forschungszusammenhängen ebenso wie auch die Alltägliche Lebensführung andere Forschungstraditionen inspiriert. So wurde beispielsweise nach der systematischen Beziehung der Alltäglichen Lebensführung zu Gesellschaftsbildern (Projekt Dietmaier), zur alltäglichen Vergesellschaftung in einem Stadtteil in Budapest (Projekt v.d. Hagen - Demszky) und zu informellen Lernprozessen (Projekt Kirchhöfer) gesucht. Arbeits- und berufssoziologisch motivierte Projekte untersuchten etwa die Auswirkungen verkürzter Arbeitszeiten am Beispiel von VW mit familiensoziologischem Blick auf die Lebensführung von Industriearbeitern ( Projekt Jürgens/Reinecke) oder die Lebesnführung beim TeleheimarbeiterInnen (Projekt Kleemann). Unter Lebensführungsgesichtspunkten wurden auch die Alltagsorganisation von Alleinselbständigen (Projekt Egbringhoff) oder diejenige von Arbeitslosen (Projekt Luedtke) und Kindern ( Projekt Zeiher) beforscht. Für die Untersuchung von Handlungs- und Orientierungsformen erwies sich das Konzept ebenfalls als hilfreich, etwa bei der Erklärung des Engagements in Umweltorganisationen (Projekt Schumacher). Dass auch fiktive Personen vor dem Problem stehen, Arbeit und Leben auf die Reihe zu kriegen, zeigten Voß und Weihrich anhand der alltäglichen Lebensführung von Ermittlern und Ermittlerinnen in Kriminalromanen (Projekt Krimi)

Inzwischen hat sich ein ständig wachendes loses Forschungs- und Publikationsnetzwerk etabliert, das sich unter anderem über dieses Portal und den Newsletter IuT-Aul News verständigt, gelegentlich zusammen Tagungen veranstaltet und publiziert. Die Buchreihe "Arbeit und Leben im Umbruch. Schriftenreihe zur subjektorientierten Soziologie der Arbeit und der Arbeitsgesellschaft", die beim Rainer Hampp Verlag herausgeben wird, versammelt einen (kleinen) Teil der einschlägigen Publikationen. (Buchreihe).

Eine sehr spezifische Rezeption des Konzepts der Alltäglichen Lebensführung hatte Klaus Holzkamp begonnen Ende der 90er Jahre begonnen. Den bemerkenswerten Versuch,  die Alltägliche Lebensführung als "Grundkonzept" für eine Neubegründung seiner kritisch-psychologischen "Subjektwissenschaft" zu verwenden wurde dann durch seinen Tod jäh unterbrochen (vgl. Holzkamp 1995, 1996 und Osterkamp

Literatur

Zum Konzept der "Alltäglichen Lebensführung":

Weitere erwähnte Quellen

Für ausführliche Literaturhinweise siehe die Literatur