Begriff und Theorie - Der Arbeitskraftunternehmer
 

 

 

 


 

Vor dem Hintergrund des Strukturwandels von Wirtschaft und Gesellschaft Ende des 20. Jahrhunderts haben Hans J. Pongratz und G. Günter Voß Anfang der 1990er Jahre aus subjektorientierter Perspektive eine These aufgestellt, die nach wie vor große Beachtung findet und kontrovers diskutiert wird.

Die These geht auf frühe Überlegungen im Umfeld des ehemaligen Sonderforschungsbereichs 333 ("Entwicklungsperspektiven von Arbeit") der Universität München zurück (vgl. z.B. Bonß/Keupp/Koenen 1984, Jurczyk u.a. 1985, Bolte/Voß 1988). Hintergrund waren (und sind nach wie vor) u.a. theoretische und empirische Arbeiten zum Wandel im Verhältnis von ´Arbeit und Leben´ auf Basis des Konzepts ´Alltägliche Lebensführung´ (siehe u.a. Voß 1991, Jurczyk/Rerrich 1995, Projektgruppe Alltägliche Lebensführung 1995).

Systematisch mit industriesoziologischer Perspektive ausgearbeitet wurden die Münchener Thesen zu einem ´Unternehmer der Arbeitskraft´ dann bei Voß/Pongratz (1998). Etwa zeitgleich entstanden auch an anderer Stelle ähnliche Vermutungen, meist jedoch mit anderer wissenschaftlicher und politischer Stoßrichtung (früh schon etwa bei Zielcke (1996), stark beachtet dann z.B. bei der Kommission für Zukunftsfragen der Länder Bayern und Sachsen, zuerst 1996/97). Eine ganze Serie von mehr oder minder populären (und ideologischen) Schlagworten („Ich-AG“, „Ich-GmbH“, „Selbst-GmbH“, „Ich-Aktie“) kursieren parallel, wecken vergleichbare Assoziationen und  werden gelegentlich (zu unrecht) mit dem Thema „Arbeitskraftunternehmer“ in Zusammenhang gebracht.

Leitende Annahme der Arbeitskraftunternehmerthese ist, dass sich ein grundlegender Wandel der gesellschaftlichen Verfassung der „Ware Arbeitskraft“ (Marx) vollzieht. Dabei entstehe ein mehr als bisher aktiver und selbstverantwortlicher Leittypus von Arbeitskraft. Historisch können nach Pongratz und Voß drei Grundformen von Arbeitskraft unterschieden werden:

  • Der „Proletarische Lohnabhängige“ der Frühindustrialisierung

  • Der bis heute vorherrschende „Verberuflichte Arbeitnehmer“ des Fordismus
  • Der "Verbetrieblichte Arbeitskraftunternehmer" als ein sich verstärkt selbst steuernder neuer Leittypus für den Postfordismus

Hintergrund des aktuellen Übergangs seien tiefgreifende Veränderungen der betrieblichen Arbeitskraftsteuerung und -nutzung. Dies meint, dass die bisher vorherrschende möglichst strikte Detailsteuerung von Arbeitskraft im Betrieb (etwa nach den Prinzipien des „Taylorismus“) zum Rationalisierungshindernis wird; stattdessen werde nun tendenziell die Verantwortlichkeiten von Mitarbeitern erhöht, um Flexibilität und Innovativität freizusetzen.

Das hat vielfältige Erscheinungsformen. Es geht aber für Pongratz und Voß in Bezug auf ein klassisches Theorem der Industriesoziologie immer um das gleiche Thema: Die Bewältigung des betrieblichen Grundproblems, die Transformation der latenten Arbeits-Kraft von Beschäftigten in manifeste aufgabenfunktionale Arbeits-Leistung („Transformationsproblem“), wird neu ausgerichtet. Statt rigider Detail-Kontrolle werden nun, so die Annahme, verstärkt Auftragsbeziehungen gebildet. Arbeit wird dabei eher indirekt und vor allem verstärkt vom Ergebnis her gesteuert (z.B. durch Zielvereinbarungen) und dafür im Prozess mehr oder weniger geöffnet. Kontrolle falle dabei keineswegs weg: Die Rücknahme direkter Steuerung sei vielmehr von einer Ausweitung indirekter Kontrollen begleitet. Es gehe zudem nicht um echte Autonomie, sondern um erweiterte Spielräume, die im Interesse der Unternehmen genutzt werden sollen, mit klaren Grenzen und meist steigendem Leistungsdruck. Trotzdem sei die Logik eine andere: Die Transformation von Arbeitskraft werde in neuer Qualität auf die Beschäftigten abgewälzt, also betrieblich ‚externalisiert’.

Wenn sich dieser Trend fortsetzt, so werde das (so die leitende Vermutung) einen grundlegenden Formwandel von Arbeitskraft nach sich ziehen. Aus dem bisher dominierenden eher reaktiven Arbeitnehmer entstehe ein neuer in jeder Hinsicht stärker selbstgesteuerter Typus (der „Arbeitskraftunternehmer“), den man mit drei Begriffen charakterisieren kann:

  • Betriebliche Kontrolle von Arbeit wird verstärkt zur „Selbst-Kontrolle“ der Beschäftigten.
  • Die bisher nur begrenzt wirtschaftlich handelnden Arbeitspersonen werden zu Arbeitskräften, die sich auf neuer Stufe aktiv „selbst ökonomisieren“, d.h. ihre Fähigkeiten gezielt wirtschaftlich entwickeln und verwerten.
  • Die Betroffenen werden infolgedessen ihr gesamtes Leben mehr als bisher effizienzorientiert ausrichten. Der Alltag wird dabei zu einer mittels „Selbst-Rationalisierung“ durchgestalteten Organisation eigener Art („Verbetrieblichung der Lebensführung“).

Die These von Pongratz und Voß konvergiert mit ähnlichen Annahmen anderer Autoren zum Wandel des aktuellen Kapitalismus (vgl. z.B. Castel 2000, Boltanski/ Chiapello 2003) und darin v.a. auch zum Wandel von Subjektivität (vgl. z.B. Sennett 1998, Bröckling 2007). In einer neuen Veröffentlichung wird die Arbeitskraftunternehmerthese mit der These eines komplementär zum Wandel von Arbeitskraft entstehenden Typus des Konsumenten (der „Arbeitende Kunde“) parallelisiert (Voß/ Rieder 2005).

Literatur

Direkt zur These des Arbeitskraftunternehmers:

Weitere erwähnte Quellen siehe Literatur