Begriff und Theorie - Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit
 

 

 

 

 

 

Seit Ende der 1990er Jahre wird in der Arbeits- und Industriesoziologie intensiv ber die "Entgrenzung von Arbeit" diskutiert (vgl. Gottschall/ Vo 2003; Hielscher 2000, Huchler/ Vo/ Weihrich 2007; Kratzer 2003; Minssen 1999; Vo 1998). Der Ausdruck wird nicht einheitlich verwendet. Zum Teil werden damit Einzelaspekte angesprochen, etwa die Flexibilisierung von Arbeitszeiten oder der Wandel im Verhltnis von "Arbeit und Leben".

 

Entgrenzung - eine vieldimensionale Erscheinung

 

Aus subjektorientierter Perspektive ist die Entgrenzung von Arbeit eine umfassende Syndromatik des Strukturwandels von Arbeit und Betrieb, die sich in vielen Dimensionen zeigt (vgl. Vo a.a.O.):

Bei aller Unterschiedlichkeit dieser Entwicklungen gibt es ein gemeinsames Moment: Entgrenzung meint die systematische Ausdnnung und dann meist die Dynamisierung letztlich aller regulierenden (und insoweit begrenzenden) Strukturen von Arbeit, wie sie sich mit einer fordistischen Arbeits- und Sozialorganisation etabliert hatten. Betriebe verfolgen damit zwei strategische Ziele:  zum einen (und vor allem) sollen Flexibilitts- und Innovationspotentiale freigesetzt werden; zum anderen (wenn auch selten primr) geht es um Kosten, etwa wenn Hierarchieebenen wegfallen, Broraum dichter genutzt wird, Fhrungsspannen ausgeweitet oder Organisationsleistungen nach unten delegiert werden.

 

Selbstorganisation - eine paradoxe Anforderung

 

Aus der Sicht der Arbeitskraft ist Entgrenzung die systematische Reduktion von Strukturvorgaben fr ihre Arbeit. Folge ist, dass es im Zuge einer solchen Entwicklung verstrkt den Betroffenen zugewiesen wird, die erforderlichen Strukturierungen fr ihre Arbeit selbst vorzunehmen. Der aus der Physik entlehnte Ausdruck "Selbstorganisation" trifft dies nicht schlecht, auch wenn er ein Euphemismus ist (wie viele aktuelle Managementbegriffe). Er verschleiert insbesondere, dass "Selbstorganisation" immer fremd-organisiert ist und meist eine massive Steigerung heteronomer Anforderungen bedeutet (vgl. Pongratz/ Vo 1997). Dies ist zudem fast immer begleitet von erweiterten Formen indirekter betrieblicher Steuerung, (oder einer sog. Kontextsteuerung) etwa ber Zielvereinbarungen, Controllingkonzepte, Produktionsplanungs- und Produktionssteuerungssysteme.
 

Entgrenzung bedeutet gleichwohl, dass nicht wenige (und oft betrieblich wie gesellschaftlich wichtige) Beschftigtengruppen ihre Arbeit mehr als bisher selber gestalten knnen. Es bedeutet aber auch, dass sie dies tun mssen: unter Bedingungen, die sie nur begrenzt (wenn berhaupt) beeinflussen knnen und oft ohne ausreichende Ressourcen und Kompetenzen. Arbeitskrfte bernehmen damit in neuer Qualitt eine Funktion, die bisher dominant Aufgabe des Managements war: nmlich die Organisation ihrer Arbeit.


Kontrolltheoretisch
gesehen (klassisch Braverman 1980/1974, vgl. auch Hildebrandt/ Seltz 1987; Knights/ Willmott 1986, 1990) ist dies der betriebliche Versuch, die Steuerung der sogenannten "Transformation" von Arbeitskraft in konkrete Leistung auf neuer Stufe den Betroffenen zuzuweisen. Das fhrt manchmal zu unerwnschten Nebeneffekten in den Betrieben (und funktioniert keineswegs immer wie geplant), erschliet aber (wenn es gelingt) bisher ungenutzte Rationalisierungspotentiale.

Selbstorganisation kann auf der anderen Seite durchaus neue Freirume fr die Beschftigten bedeuten, geht aber dabei fast immer mit erheblich steigenden Anforderung und neuen Belastungen einher. Die vielzitierte "Arbeit ohne Ende" (vgl. Pickshaus 2000; Pickshaus/ Schmitthenner/ Urban 2001), steigende Risiken des individuellen Scheiterns, eine wachsende Selbstausbeutung, forcierte Konkurrenz unter den Beschftigten usw. sind oft berichtete Folgen.

So gesehen versteht man auch das erstaunliche Paradox, dass seit einiger Zeit Arbeitsformen von Seiten des Kapitals eingefhrt werden, die vor zwanzig Jahren Forderungen der HDA-Diskussion waren - aber damals kaum wirklich umgesetzt wurden. Jetzt setzen Betriebe auf einmal auf "Gruppenarbeit" und "Projektorganisation", auf "enrichment" und "empowerment", auf Hierarchieabbau usw. Das Ziel ist klar: "Selbstorganisation" der Beschftigten. Oder wie es manchmal auch heit: "Wie ihr die Arbeit macht ist egal, Hauptsache das Ergebnis stimmt und ihr macht Profit !"


Manche Entgrenzungen sind schlie
lich mit folgenreichen Verschiebungen im Verhltnis von "Arbeit" (Erwerbsarbeit) und "Leben" (Privatleben) verbunden. Die mit der Industrialisierung entstandene und fr lange Zeit  typische strukturelle Trennung der Bereiche (zeitlich, rumlich, sozial, geschlechtlich usw.), gert dabei in Bewegung. Arbeit im Betrieb werden dadurch (wie vor allem Arlie Hochschild zeigt, vgl. 2002) zur zentralen Lebenssphre und Privatheit reduziert sich zum Feld massiver Arbeitsanforderungen, die heimische Wohnung wird (bei Tele- und Mobilarbeit, bei Vertrauensarbeitszeit, bei Scheinselbstndigkeit usw.) zu einer Kernsphre der unmittelbaren Erwerbsttigkeit.

Das Verhltnis von "Arbeit und Leben" ist bei solchen Entwicklungen nicht mehr klar strukturell vorgegeben, sondern wird immer mehr zu einem von den Betroffenen zu bewltigenden Problem. Das heit, es muss aktiv immer wieder fr die jeweiligen persnlichen Umstnde neu arrangiert werden.


Das Arrangement von "
Arbeit und Leben" wird dadurch zu einer Arbeit eigener Art und erfordert neuartige Qualifikationen -  letztlich eine "Reflexive Lebensfhrung" (Hildebrandt 1999, 2001). Von daher wird vielleicht verstndlich, warum das Mnchener Lebensfhrungsprojekt in Anschlu an die Untersuchung der Auswirkungen flexibler Arbeitszeiten auf die Alltagsorganisation von einer zunehmenden "Arbeit des Alltags" gesprochen hat (vgl. u.a. Jurczyk/ Rerrich 1993; Vo 1991, 1994; siehe auch Projektgruppe 1995; Kudera/ Vo 2000). Zeitmanagement betrifft damit nicht mehr nur die Betriebssphre und auch nicht mehr nur Hochqualifizierte. Es ist vielmehr erforderlich zur Bewltigung der gesamten Lebensfhrung bei immer mehr Arbeitskrften. In den Worten der Arbeitskraftunternehmerthese heit dies "Verbetrieblichung des Lebens" (vgl. Vo/ Pongratz 1998; Pongratz/ Vo 2003).

 

Subjektivierung - eine ambivalente Konsequenz

 

"Entgrenzung" und in der Folge die "Selbstorganisation" bedeuten, dass Beschftigte wesentlich strker als bisher persnliche Potentiale in die Arbeit einbringen mssen, um die neuartigen Anforderungen zu bewltigen. Dies ist hochgradig widersprchlich: Zum Teil entstehen dabei tatschlich bei manchen Gruppen neue Mglichkeiten, sich in der Arbeit strker als bisher zu entfalten. Man ist dazu aber auch gezwungen, d.h. man muss immer mehr Momente der eigenen Persnlichkeit investieren, die damit in neuer Qualitt betrieblich funktionalisiert und vernutzt wird.


Das Stichwort
Subjektivierung von Arbeit spricht genau dies an (vgl. Moldaschl/ Vo 2003; Kleemann/ Matuschek/ Vo 2003; Egbringhoff/ Kleemann/ Matuschek/ Vo 2003; Schnberger/ Springer 2003, Huchler/ Vo/ Weihrich 2007): neue individuelle Chancen, aber auch die verstrkte Ausbeutung von Subjektivitt - mit hchst paradoxen Folgen. Genau so knnen auch die derzeit modischen Konzepte einer work-life-balance verstanden werden.

 

Subsumtion - eine Fortsetzungsgeschichte ?

 

Entgrenzung, Selbstorganisation und damit schlielich die Subjektivierung von Arbeit indizieren letztlich nichts anderes als eine neue Stufe der Subsumtion lebendiger Arbeitskraft unter eine konomische Verwertungslogik. Ziel ist der systematisch erweiterte wirtschaftliche Zugriff auf menschliche Potentiale. Und genau dies, so die Vermutung, ist ein zentrales (wenn nicht gar das entscheidende) Moment des Neuen Kapitalismus. Es geht mehr als bisher um die Nutzung von Subjektivitt.


Dies ist jedoch eine Subsumtion neuer Art, die nicht mehr der bisher mit diesem Stichwort verbundenen (auf eine enge Marxinterpretation, v.a. bei Braverman zur
ckgehende) Vorstellung einer zunehmenden Abstraktifizierung und Dequalifizierung abhngiger Arbeit im Zuge einer steigenden strukturellen Durchsetzung kapitalistischer Verwertungsparameter (reelle Subsumtion) entspricht (vgl. fr das klassische Subsumtions-Konzept in Deutschland u.a. Schmiede 1980). Die jetzt zunehmend erkennbare neue Subsumtion bedeutet vielmehr eine verstrkte Zurichtung  und Nutzung nicht mehr allein sehr reduzierter menschlicher Potentiale, sondern der arbeitenden Personen insgesamt, mit allen ihren Fhigkeiten und Tiefenschichten - eben ihrer wirklichen Subjektivitt. Aber genau in dieser Form ist dies dann doch nichts anderes als eine Fortsetzung des bisherigen historischen Pfades einer wachsenden Unterwerfung lebendigen Arbeitsvermgens (Marx), die aber neu interpretiert werden mu und dazu neue Konzepte erfordert.


Andere sehen (vor dem Hintergrund anderer nationaler Erfahrungen) eine
hnlich Entwicklung, auch wenn sie die Diagnose mit verschiedenen theoretischen Konnotationen versehen und andere politische Schlsse daraus ziehen.

Literatur